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Aussöhnung mit dem Inneren Kind

Hier möchte ich einige grundsätzlichen Informationen zum Thema „Arbeit mit dem Inneren Kind“ geben. Sowohl in meinem eigenen therapeutischen Prozess als auch durch die Arbeit mit zahlreichen Menschen in der Therapie habe ich erfahren, dass die Arbeit mit dem Inneren Kind eine gleichermaßen wertvolle als auch wirkungsvolle  Methode zur Förderung seelischer Wachstumsprozesse darstellt. Hierbei wird der Begriff „Inneres Kind“ als Synonym für jene Persönlichkeitsanteile verwandt, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns unserer Kreativität zuwenden und uns im Denken und Handeln von den seelischen Kräften der Intuition und Empfindsamkeit leiten lassen. Indem wir uns diesen seelischen Kräften zuwenden, spüren wir gleichsam eine innere Verbindung zudem Mädchen oder dem Jungen, das oder der wir einst als Kinder einmal waren. Gleichzeitig spüren wir auch eine Vertrautheit und innere Nähe zu den Kindern in unserer Umgebung. Stehen wir in innerer Verbindung mit diesen seelischen Kräften, die wir dem Inneren Kind zuordnen , so können wir eine Spontanität und Unmittelbarkeit in unserem Denken und Fühlen erleben, die unserem gewohnten Erwachsenendasein, das von Rationalität und Sachlichkeit bestimmt ist, eher fremd erscheinen mag.

Dennoch haben wir gewiss schon alle einmal solche Momente erlebt, in denen wir wie Kinder in eine bestimmte Tätigkeit so versunken waren, dass wir jedes Gefühl für Raum und Zeit für eine kurze Weile verloren haben. Für den einen mag es vielleicht ein bestimmtes Hobby gewesen sein, dem er mit kindlicher Leidenschaft nachgegangen ist. Für einen anderen kann es die Beschäftigung mit einem Kunstwerk oder das Hören von einer bestimmten Musik sein, die in dem betreffenden Menschen dies kindlich-sinnlich-intuitive Seite anspricht. Das Eigenartige dabei ist, dass sich in uns während wir uns einer dieser Tätigkeiten hingeben eine stiller Friede und eine zarte Freude ausbreiten, so dass wir uns ganz mit uns selbst eins fühlen und ein stilles Glück erleben, mitten in den Banalitäten unseres Alltags. In diesen Augenblicken sind es nicht die großen Dinge , die uns ganz in ihren Bann ziehen, sondern vielmehr die kleineren verborgenen dinge, die in uns ein Gefühl von innerer Stimmigkeit und freudiger Gelassenheit auslösen.

Warum aber erleben die meisten von uns solche Augenblicke des Friedens und der inneren Gelassenheit nur sehr sporadisch, sozusagen als heilsame Unterbrechung ihres Alltagsbefindens? Und wie wäre es wohl, wenn wir mit diesen seelischen Kräften, die dem Inneren Kind zueigen sind täglich in jedem Augenblick innerlich verbunden wären? Welche Auswirkungen hätte das wohl auf unser seelisches Befinden, auf unser Denken und Fühlen und Handeln im Alltag?

 

Auf der Suche nach dem Inneren Kind

Wenn wir unserem Inneren Kind auf die Spur kommen wollen, dann kann uns vielleicht ein kurzes Zitat von Barbara Shir aus ihrem Buch „Wichcraft“, das Erika Kopitsch und Margret Paul in ihrem Buch „Aussöhnung mit dem Inneren Kind“ wiedergeben als Orientierung dienen: „Alle Menschen, die wir als „Genies“ bezeichnen, sind Männer und Frauen, denen es auf irgend eine Weise gelungen ist, der Gefahr zu entgehen, jenes neugierige, staunende Kind in sich zu betäuben oder einzulullen.“

In diesem kurzen Zitat ist ein Hinweis darauf enthalten, welches Schicksal das Innere Kind im Laufe des Erwachsenenlebens bei den meisten Menschen ereilt: oft neigen wir dazu, unser Inneres Kind von der Steuerung und Kontrolle unseres bewussten Verhaltens fernzuhalten, indem wir diesen Persönlichkeitsanteil aus unserem Bewusstsein abspalten und unser Inneres Kind mit allerhand seelischem Ballast zuschütten. Anstatt die innere Verbindung  zu unserem inneren Empfinden aufrechtzuerhalten, versuchen wir oftmals diesem gefühlsmäßigen Anteil unserer Persönlichkeit durch überzogene Sachlichkeit und gedankliche Kontrolle zu entkommen. Wenn man Menschen fragt, warum sie ihre gefühlsmäßigen Anteile abzuspalten oder zu leugnen versuchen, so kann man häufig hören, dass die Betreffenden Angst vor der Intensität ihrer Gefühle haben. Viele glauben auch, dass Gefühle etwas grundsätzlich „Irrationales“ seien, die den Menschen unberechenbar machen und die deshalb unbedingt der strengen Kontrolle durch das vernunftbegabte Bewusstsein bedürfen. Viele glauben auch, dass sie in einer von Sachzwängen und Leistungsansprüchen geprägten Welt nicht bestehen könnten, wenn sie ihren gefühlsmäßigen Bedürfnissen und intuitiven Regungen allzu sehr viel Raum in ihrem Leben einräumen würden.

Wir werden jedoch sogleich sehen, dass diese Angst vor dem „Inneren Kind“ in uns unberechtigt ist. Durch die Verbindung mit unserem Inneren Kind erwächst vielmehr eine ungewöhnliche Kraft und persönliche Klarheit und Entschiedenheit, die aus dem Erleben unseres Selbst als heile und ganze Persönlichkeit gespeist wird. Menschen, die mit ihrem Inneren Kind verbunden sind, sie sind alles andere als labil, naiv oder auf sonst eine Weise geschwächte Persönlichkeit. Wie das genannte Zitat beschreibt, sind Menschen, die ihr Inneres Kind in ihre Gesamtpersönlichkeit integriert haben, starke Persönlichkeiten mit einer Ausstrahlungskraft, die auf andere anziehend wirkt.

Wie vielfältig die Gründe dafür auch sein mögen, sie liegen mit großer Wahrscheinlichkeit weit zurück und reichen in der Regel bis in die ersten 7-10 Kindheitsjahre zurück. Wenn wir uns also auf die Suche nach unserem Inneren Kind begeben, so ist es nötig und heilsam, die Erinnerungsbilder aus unserer Kindheitszeit in uns wachzurufen, um wieder entdecken zu können, was für ein Kind wir früher einmal gewesen sind. Dabei können uns etwas folgende Fragen helfen:

Was sind die frühesten Erinnerungen, die wir von uns selber als Kind haben?

  • Was haben wir damals als kleines Mädchen bzw. kleiner Junge besonders gern gemocht?
  • Was hat uns nicht so gut gefallen?
  • Wovor hatten wir besonders viel Angst?
  • Wann waren wir besonders glücklich und richtig stolz auf uns gewesen?
  • Was waren die schlimmsten Augenblicke in unserer Kindheit?
     

Wir können auch versuchen, ein inneres Bild von dem Mädchen/dem Jungen in uns aufsteigen zu lassen, was wir als Kind einmal gewesen sind. Und wir können sodann in einer Phantasiereise das kleine Mädchen/den kleinen jungen zurück zu ihrem bzw. seinen Erlebnissen während unserer ersten Kindheitsjahre begleiten.

Wenn wir uns auf diese Weise mit unserem Inneren Kind beschäftigt haben, so haben wir wahrscheinlich eine gewisse Vorstellung oder zumindest Ahnung davon, warum wir die innere Verbindung zu dem kleinen Mädchen/dem kleinen Jungen von damals irgendwann abgebrochen haben. In den meisten Fällen hängt dies damit zusammen, dass wir von unseren Eltern lieblos behandelt wurden. Dies geschieht häufig, wenn Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind und selbst nicht in liebevoller Verbindung mit ihrem Inneren Kind stehen. In diesem Fall haben sie meistens in ihrer eigenen Kindheit große Defizite in Hinblick auf elterliche Liebe und Geborgenheit erleben müssen.

Werden die kindlichen Grundbedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit nicht angemessen gestillt, so entsteht in dem Kind das Gefühl von Unerwünschtsein, Ungeliebtsein und großer Verlassenheit. Da das Kind mit einem derartigen Grundgefühl (Erich Erickson sprach hier auch von „Urmisstrauen“ seine natürliche Fähigkeit zu liebevoller Verbundenheit mit seinen Bezugspersonen nicht weiterentwickeln kann zu einer vertrauensvollen Grundhaltung den Menschen und der Welt gegenüber (Erickson nannte dies das sog. „Urvertrauen“) wird es das grundlegende Gefühl von Verlassensein und Nicht-Erwünscht-sein aus emotionales Grundmuster auch in späteren Jahren mit sich tragen. Dieses Urmisstrauen schlägt sich im Erwachsenenalter beispielsweise in einem übertriebenen Misstrauen anderen Menschen gegenüber oder in einem besonders stark ausgeprägten Kontrollbedürfnis oder auch  in unterschwelliger Feindseligkeit oder unbewusster Angst vor Nähe und Verbindlichkeit in Beziehungen nieder.

 

Die grundlegende Ausdifferenzierung der psychischen Struktur im Entwicklungsverlauf

Überwiegt die Erfahrung des Geliebt- und Angenommenseins von Seiten der Eltern, so wird sich im weiteren Verlauf der Entwicklung nach dem Vorbild der Eltern ein liebevoller Erwachsener in dem Heranwachsenden herausbilden, der in liebevoller Verbindung mit dem Inneren K9ind steht. Ist das Kind dagegen von seinen Eltern häufig im Stich gelassen worden oder haben diese für die Bedürfnisse des Kindes nur unzureichend gesorgt, so wird sich im weiteren Entwicklungsverlauf in der Persönlichkeit des Heranwachsenden eine psychische Elterninstanz heranbilden, die entsprechend dem Negativ-Vorbild der Erwachsenen weder die Bereitschaft noch die Fähigkeit zum fürsorglichen Umgang mit dem Inneren Kind besitzt.

Wir können also zusammenfassend feststellen, dass sich die Einstellung der Eltern sowie deren konkretes Verhalten dem Kind gegenüber auf die Entwicklung und Ausdifferenzierung der psychischen Struktur des Heranwachsenden entscheidend auswirken wird.

Wir können zwei Grundkonstellationen unterscheiden:

 

Verlassenes Kind – Liebloser Erwachsener

Wenn wir Eltern hatten, die selbst vielerlei Entbehrungen als Kinder erlitten hatten und die sich durch übertrieben kontrolliertes Verhalten oder durch Suchtverhalten vor ihrem Schmerz zu schützen versuchten, so mussten wir schon sehr früh wie ein Erwachsener sein, denn entweder konnten unsere Eltern nicht wirklich für uns da sein oder aber wir mussten selbst schon für unsere Geschwister oder dem schwächeren Elternteil Verantwortung übernehmen. Wenn wir schon früh wie ein Erwachsener sein mussten, ist unser Inneres Kind zu einem erwachsenen Kind herangewachsen, das einem lieblosen Erwachsenen gleicht, der nicht in der Lage ist, für unsere Bedürfnisse in angemessener Weise zu sorgen.

Als Gegenstück zum lieblosen Erwachsenen entwickelt sich in der Struktur von in der Kindheit ungeliebten Menschen ein „verlassenes Kind“, das voller Schmerz und falschen Überzeugungen ist. Der lieblose Erwachsene versucht, diesen Schmerz durch Süchte sowie durch coabhängiges Verhalten zu betäuben. Er verfolgt dabei das Ziel, vor intensiven und schmerzvollen Gefühlen zu schützen und ist daher unfähig den Schmerz des verlassenen Kindes liebevoll anzunehmen und zu tragen, damit er sich lösen kann. Auch ist der lieblose Erwachsene unfähig, die falschen Überzeugungen des verlassenen kindes aufzudecken und aufzulösen.

Wir können drei verschiedene Grundmuster unterscheiden, nach denen der innere Dialog zwischen verlassenem Kind – liebloser Erwachsener gestaltet ist.

 

Autoritärer Dialog

Wenn unsere Eltern und andere Bezugspersonen mit uns autoritär umgegangen sind, so wird der lieblose Erwachsene in uns mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls mit autoritärer Stimme sprechen. Wenn wir genau hinhören, so hören wir oftmals Botschaften wie die folgenden Beispielbotschaften:

„Du zählst überhaupt nichts!“

„Dräng Dich nicht vor, halte Dich zurück!“

„Es kommt nicht darauf an, was Du willst!“

„Zornige Mädchen sind böse Mädchen“

„Ein Junge weint nicht!“

 

Innerer Dialog nach dem Muster „passiver Widerstand“

Wenn wir bei den Eltern und anderen Bezugspersonen häufig das Verhaltensmuster „passiver Widerstand“ erlebt haben, so ist es häufig der Fall, dass unser liebloser Erwachsener ebenfalls nach diesem Widerstandsmuster reagiert. Hier einige typische Beispiele für innere Botschaften, die diesem Muster zuzuordnen sind:

„Ich will nur meine Ruhe, alles andere ist mir egal“

„Störe meine kreise nicht“

„Wenn ich einfach nur das Problem aussitze und nichts tue wird schon jemand für mich das Problem lösen“

 

Innerer Dialog nach dem Muster „nachlässiger innerer Dialog“

Das 3. Grundmuster, nachdem der lieblose Erwachsene in uns denken und sprechen kann, heißt nachlässiger innerer Dialog oder auch „Laissez faire-Stil genannt. Unser liebloser Erwachsener reagiert nach diesem Muster wenn wir als Kinder häufig die Erfahrung machen mussten, dass unsere Eltern in unangemessener Weise unsere Bedürfnisse vernachlässigt haben. Zu große Nachlässigkeit bedeutet z.B., dass uns die Eltern an der „langen Leine“ laufen ließen, ohne sich wirklich für unsere Persönlichkeit und unsere Bedürfnisse zu interessieren. Eltern sind vor allem dann zu nachlässig, wenn sie mit der Erziehung der Kinder eigentlich überfordert sind und sich in Auseinandersetzungen und Konflikten mit den Kindern nicht anders zu helfen wissen, als einfach nachzugeben und die Kinder damit ihrem entwicklungsbedingten unreifen Umgang mit den eigenen Impulsen und Wünschen überlassen. Zuviel Nachlässigkeit führt bei den Kindern zu einer innreren Verwahrlosung und Orientierungslosigkeit, die sich auch in mangelndem Interesse und Bereitschaft, sich an bestimmte Werte und Strukturen zu halten äußern kann.

Typische Beispiele für den nachlässigen inneren Dialog sind:

„Ich will nicht zur Arbeit gehen. Laß uns einfach weiterschlafen.“

„Noch ein Bier wird mir nicht schaden. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.“

„Ich fühle mich einsam. Ich werde mir noch ein Stück Kuchen gönnen.

 

Die gesunde Alternative zu diesen 3 Grundmuster heißt:

Dialog zwischen Liebevollem Erwachsener und Innerem Kind

Wenn wir innerlich in liebevoller Verbundenheit mit unserem Kind stehen, so hat der innere Dialog eine ganz andere Qualität. In diesem Fall haben wir nämlich die Grundüberzeugung ausgebildet, dass wir liebenswert und berechtigt sind, unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen und ein glückliches Leben zu führen. Der liebevolle Erwachsene in uns ist offen und bereit, die Wünsche und Gefühle des Inneren Kindes ernst zu nehmen und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Wenn wir uns entscheiden, in liebevoller Verbindung mit unserem Inneren Kind zu stehen, so kann sich in unserem persönlichen Leben, aber auch in unseren Beziehungen zu anderen Menschen sehr viel zum Guten wenden. Wenn wir uns entscheiden, mit unserem Inneren Kind verbunden zu leben, wird das Leben zu einer wunderbaren und beglückenden Begegnung mit uns selbst. Wir fühlen uns friedvoll, zentriert und spüren uns in Einheit mit dem Ganzen (dabei spielt es keine Rolle wie wir diesen größeren Zusammenhang begreifen, ob wir von universaler Energie, dem Ursprung allen Lebens, höherer Macht oder Gott sprechen.

Je mehr wir unser Inneres Kind zu lieben lernen, umso mehr werden wir auch uns selbst lieben und achten können. Selbstachtung bedeutet einfach, sich selbst liebenswert und berechtigt zu fühlen. Während unser liebloser Erwachsener uns sagt, dass Selbstachtung aus der Bestätigung durch andere gespeist wird, ist es doch in Wahrheit so, dass echte Selbstachtung von innen kommt, als Ergebnis desssen, was der  Erwachsene in uns über das Innere Kind denkt und wie der Erwachsene das Kind behandelt. Wenn andere uns bestätigen, fühlen wir uns vielleicht einen Moment lang gut. Aber das gute Gefühl verschwindet bald und wir brauchen mehr Bestätigung, um uns wieder gut zu fühlen. So wird Bestätigung durch andere eine Such – wir brauchen immer mehr, um uns gut zu fühlen. Gute Gefühle aus dem lieblosen Erwachsenen sind immer kurzlebig. Wenn aber der innere Erwachsene das Innere Kind liebt, lernt das Kind, dass es liebenswert und wertvoll ist. Dieses Wissen ist nicht flüchtig wie die Bestätigung von außen, sondern tief und dauerhaft.

Welche konkrete Schritte können wir tun, um eine liebevolle Beziehung zwischen dem Erwachsenen in uns und dem Inneren Kind aufzubauen.

 

Schritte zur Aussöhnung mit dem Inneren Kind

Der erste und entscheidende Schritt: Die Adoptionsentscheidung zu Gunsten des Inneren Kindes

Der grundlegende Schritt zur Aussöhnung mit dem Inneren Kind ist die Entscheidung, das Innere Kind anzunehmen und zwar mit allen Verpflichtungen und der selben Veratwortung, die wir übernehmen, wenn wir ein Kind adoptieren. Unser Inneres Kind an Kindes Statt anzunehmen, bedeutet, dass wir von nun an bereit sind, Verantwortung für das Wohlergehen unseres Inneren Kindes zu übernehmen, dass wir bereit sind, für das Innere Kind zu sorgen, egal was kommen mag.

Wit treffen gleichsam eine „Adoptionsentscheidung“ zu Gunsten unseres Inneren Kindes. Diese Entscheidung können wir in Form eines Vertrags mit folgendem Inhalt niederschreiben:

„Liebe/r kleine/r_______ (Name des Kindes),

ich, _________ (Dein Name), nehme Dich an Kindes Statt an. Ich verpflichte mich, die Verantwortung für Deine Gefühle des Schmerzes zu übernehmen und zu lernen, wie ich Dir Freude bereiten kann. Ich verpflichte mich, Deine Wunden der Vergangenheit zu heilen und zu lernen, wie ich Dich wissen lassen kjann, dass Du liebenswert und wertvoll bist. Du bist meine Verantwortung, jetzt und für immer.“

 

Das Wesen des Inneren Kindes entdecken

Wenn ich mich entschieden habe, für mein Inneres Kind ein liebevoller Erwachsener zu werden, dann geht es zunächst darum, dass ich mir genügend Zeit lasse, um die vielfältigen Eigenschaften und Talente meines Inneren Kindes zu entdecken und besser kennen zu lernen. Wichtig dabei ist, dass ich die Fähigkeiten uned Eigenschaften des Inneren Kindes zunächst kennen lerne, ohne sie gleich zu bewerten und zu beurteilen. Die Gefahr der Bewertung liegt darin, daß´ich das wahr3e Wesen und den wahren Wert einer Eigenschaft gar nicht richtig würdigen kann. All zu leicht komme ich nämlich dabei ins Vergleichen was mehr oder weniger viel „wert“ ist. Z.B. gelten Fähigkeiten, die sich auf Denken und Wissen beziehen in unserer Gesellschaft mehr und werden entsprechend in Lohnsystemen höher bewertet als Fähigkeiten, die handwerkliches Geschick oder praktische Erfahrung voraussetzen.

Wir müssen davon ausgehen, dass unser Inneres Kind diese äußeren Bewertungsmaßstäbe übernommen hat und die eigenen Fähigkeiten entsprechend nur in einem Zerrspiegel wahrnehmen kann. Es ist daher wichtig, dass wir unserem Kind die unverfälschrte Wahrheit über den Wert und die Schönheit seinerWesenseigenschaften und vielfältigen Begabungen anbieten. Das können wir in Form eines sog. „Spiegelbriefes“ tun. Dabei schreibt der liebevolle Erwachsene dem inneren Kind, welche Wesenszüge und Fähigkeiten es hat und betont jeweils ausdrücklifch, warum er diese oder jene Eigenschaft für wertvoll empfindet.

Damit dies etwas ansdchaulicher wird, hierzu ein Beispiel aus dem Buch „Aussöhnung mit dem Inneren Kind:

„.... Du bist auch sehr begabt. Ich schätze Deine Fähigkeit, kreativ zu schreiben und zu denken. Tatsächlich weiß ich nicht, wo ich ohne Dich wäre.... Ich mag auch die Art und Weise, wie Du mit Deinem Körper umgehst. Du bist agil und das fühlt sich gut an......Und was am Wichtigsten ist: Ich weiß, dass Du ein guter und lieber Mensch bi9st. Ich weiß, wenn ich für Dich da bin und Dich so liebe, wie Du es verdienst, werden Deine Güte und Freundlichkeit hervortreten, und ich weiß, wenn ich nicht für Dich da bin, fühlst Du Dich traurig und einsam. Ich möchte, dass Du weißt, dass ich Dich so wie Du bist sehr liebe....“

 

Ein liebevoller Erwachsene für das Innere Kind werden

Wir können nicht davon ausgehen, dass wir einfach schon dadurch ein liebevoller Erwachsener für unser Inneres Kind sind, weil wur uns dazu entschieden haben, dies zu werden. Vielmehr gilt es für die meisten von uns, die innere Haltung eines liebevollen Erwachsenen erst nach und nach in sich wachsen zu lassen. Dabei können wir wieder von unserem Inneren Kind lernen, indem wir es fragen, was es sich früher von unseren Eltern gewünscht hat, aber vielleicht nie oder nur unzureichend bekommen hat. Dies mag uns zwar Schmerz und Trauer bereiten – wir können jedoch etwas sehr Wesentliches über die Bedürfnisse und Wünsche unseres Kindes lernen, wenn wir bereit sind, uns auf diesen Schmerz einzulassen.

Wenn wir herausgefunden haben, was unser Kind von unseren Eltern gebraucht hätte, dann können wir es in einem weiteren Schritt fragen, was es sich von uns als liebevoller Erwachsener heute wünscht. Wieder gilt: je weniger wir uns schützen müssen vor möglichen Vorwürfen von Seiten des Kindes und je offener wir werden, wirklich von unserem Kind lernen zu wollen, umso hilfreicher und fruchtbringender kann das, was wir von unserem Kind hören, für uns sein. Indem wir uns liebevoll und behutsam den Wünschen des Inneren Kindes öffnen, kann sich unser liebloser Erwachsener allmählich in einen liebevollen erwachsenen verwandeln.

 

Die innere Verbindung mit unserem Inneren Kind im Alltag leben

Die innere Verbindung zwischen dem Erwachsenen und dem Inneren Kind wird dadurch vertieft und gefestigt, indem wir regelmäßig in einen inneren Dialog mit unserem Kind treten. Dadurch finden wir immer mehr zu einer natürlichen Einheit und werden eine ganze Persöänlichkeit, die sowohl kreativ,empfänglich, spontan und emotional wie unser Inneres Kind als auch rational, zielorientiert und verantwortungsbewusst wie unser Erwachsener sein kann. Mit der Zeit werden wir immer leichter herausfinden, was unser Kind in einer bestimmten Alltagssituation denkt oder fühlt und wie wir in angemessener Weise für uns sorgen können und dadurch unser Wohlbefinden im Alltag steigern können

Folgende Fragen können uns helfen, mit unserem Kind in liebevoller Verbundenheit im Alltag zu stehen:

Was möchtest Du im Augenblick?

  • Nach welcher Farbe ist Dir gerade zumute?
  • Wie möchtest Du den heutigen Tag verbringen?
  • Bist Du mit unserer Arbeit glücklich oder nicht?
  • Bist Du mit unseren Beziehungen – Ehepartner, Freunde, Bekannte – glücklich oder nicht?
  • Was wolltest Du schon immer tun, hast es aber nie getan? Habe ich Dich davon abgehalten?

 

Die innere Verbindung mit unserem Kind im Konflikt mit anderen Menschen

Ein Großteil des Schmerzes in unserem Leben tritt im Zusammensein mit anderen Menschen auf. Beziehungen und die damit immer wiedeer vorkommenden Belastungen durch Konflikte und Beziehungskrisen stellen daher eine große Herausforderung für die Art und Weise dar, wie wir mit uns selbst umgehen.

Viele neigen dazu, sich nur solange Zeit für den inneren Dialog mit unserem Kind zu nehmen, solange alles „glatt“ läuft. Sobald Schwierigkeiten auftreten, brechen sie den Dialog abrupt ab in der Meinung, jetzt sei etwas „Wichtigeres“ gefragt als irgend eine „Gefühlsduselei“ oder Sentimentalität. Vielleicht haben wir als Kind die Erfahrung gemacht, dass die Erwachsenen nur solange zeit für uns hatten, solange nicht „Wichtigeres“ anstand. Wenn es „brenzlig“ wurde, sind wir jedoch uns selbst überlassen gewesen, weil die erwachsenen sich nicht mehr um uns kümmern konnten oder wollten. Wenn wir diese Erfahrung in der Kindheit öfters gemacht haben, dann übernehmen wir als Erwachsene das Verhalten der Erwachsenen von damals und verlassen in gleicher tragischer Weise unser Kind genau in den Situationen, wo wir uns schon in unserer Kindheit fürchterlich verlassen gefühlt haben. Es versteht sich wohl nach dem bisher Gesagten von selbst, dass dies kein hilfreiches und liebevolles Vwerhalten in bezug auf den Umgang mit dem Inneren Kind darstellt.

Konstruktiver für uns selbst ist es vielmehr, wenn wir in Konfliktsituationen uns folgende Fragen stellen:

Wie fühlst Du Dich in Bezug auf die Person, mit der wir gerade einehn Konflikt auszutragen haben?

  • Habe ich Dich auf irgendeine Weise mit diesem Menschen bzw. dieser Situation im Stich gelassen?
  • Wie soll ich mich jetzt um Dich kümmern?
  • Ich sehe, dass Deine Gefühle in dieser Konfliktsituation zu übermächtig sind, als dass ich sie allein in den Griff bekommen könnte. Du kannst sicher sein, dass ich die Hilfe holen werde, die wir jetzt brauchen. Was meinst Du dazu?
  • Wie soll ich mich Deiner Meinung nach anders verhalten in Bezug auf diesen Menschen, mit dem wir gerade einen Konflikt haben?

Manchmal rufen aktuelle Konflikte oder erschreckende Lebensereignisse schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen aus der Vergangenheit wach. Wenn dies geschieht, können wir in den inneren Dialog mit dem Kind etwa folgende Fragen einbauen:

  • Geschieht gerade etwas, was Dich an ein Ereignis aus Deiner Kindheit erinnert?
  • Erinnert Dich dieser Mensch, mit dem wir gerade im Konflikt stehen an Deine Mutter oder Deinen Vater oder sonst an jemanden aus Deiner Kindheit?
  • Ich möchte wirklich alles wissen, an das Du Dich aus der Vergangenheit erinnerst. Deine Erinnerungen sind mir wichtig und ich möchte Dir helfen, Deine Ängste und Deine Scham zu heilen. Deshalb sage mir: erinnert Dich diese Situation an ein schlimmes Erlebnis, das Du als Kind hattest?

 

Die innere Verbindung mit unserem Kind feiern

Die nötige Arbeit zu tun, um zwischen unserem Erwachsenen und unserem Kind eine liebevolle innere Beziehung zu schaffen und die Wunden der Vergangenheit zu heilen, erfordert Zeit und Hingabe. Aber die Ergebnisse machen es wieder wett. Die Ergebnisse sind geradezu ein Wunder. Eine liebevolle Verbindung mit unserem Kind erschafft die Dinge, die wir uns vom Leben am meisten wünschen:

  • Verbindung mit unserer höheren Macht
  • Wenn der Erwachsene und das Kind durch unsere Absicht zu lernen und unsere Bereitschaft, liebevoll zu handeln, innerlich verbunden sind, befinden wir uns in unserem höheren Selbst, dem Kanal, durch den die Liebe und die Wahrheit unserer höheren Macht strömt.
  • Ein gesundes Selbstwertgefühl und das Gefühl, eine runde Persönlichkeit zu sein
  • Selbstwertgefühl und das Gefühl, eine runde Persönlichkeit zu sein, sind die Folgen wenn unser Erwachsener liebevoll zu unserem Kind ist. Je mehr wir lernen, die Person zu schätzen, die wir wirklich sind, je öfter wir die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse übernehmen, je häufiger wir uns in Konflikten mit anderen liebevoll verhalten, desto besser fühlen wir uns. Uners inneres Kind wird nur dann wissen, ob es wichtig, liebenswert und wertvoll ist, wenn unser Erwachsener das Kind mit Liebe und respekt behandelt. Durch die innere Verbindung mit unserem Kind lernen wir, dass unsere besten Gefühle nicht von außerhalb unseres Selbst kommen, sondern aus der Liebe zu uns selbst und zu anderen.
     
  • Die Erfahrung persönlicher Macht
  • Persönliche Macht ist die Macht, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, um unsere Träume zu vedrwirklichen. Es ist diese innere Erfahrung zu wissen, dass wir uns dafür entscheiden können, unseren alten Schmerz zu heilen, liebevoll zu handeln, um den Schmerz der Gegenwart zu lindern und uns Freude zu bringen. Auf diesem Weg finden wir heraus aus dem Gefühl, Opfer der Entscheidungen anderer zu sein und in die Macht unserer eigenen Entscheidungen. Die Macht von der hier die Rede ist, ist die sanfte Macht über uns selbst, nicht die harte Macht über andere.
     
  • Innerer Frieden und ein Gefühl der Sicherheit
  • Wir fühlen uns friedvoll, wenn wir in Einklang mit unserem wahren Wesen, unserer echten Bedürfnissen und Gefühlen leben. Gleichzeitig wächst in uns ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, wenn unser Inneres Kind weiß, dass der Erwachsene in uns sich liebevoll um es kümmert und es niemals im Stich lassen wird. Auch in schwierigen Zeiten fühlt sich unser Kind nicht einsam und verlassen. Erich Erikson hat dieses Grundgefühl „Urvertrauen“ genannt.
     
  • Liebevolle Beziehungen
     
  • Wenn wir gelernt haben, für uns selbst Verantwortung im Leben zu übernehmen und gut für uns sorgen können, dann wird sich dies auch auf unsere Beziehungen zu anderen positiv auswirken. Wir werden co-abhängiges Verhalten in Beziehungen zu Gunsten eines respektvollen und selbstverantwortlichen Umgangs mit anderen aufgeben. Statt Abhängigkeit wird Wechselseitigkeit unsere Beziehungen zu anderen Menschen kennzeichnen. Dies bedeutet auch, dass unsere Beziehungen ausbalancierter sein werden und wir uns anderen Menschen gegenüber weder über- noch unterlegen fühlen müssen. 
     
  • Freude und Leidenschaft
     
  • Wenn wir uns dafür entscheiden, unsere Wunden aus der Vergangenheit zu fühlen und zu heilen, so öffnen wir dadurch die Türe zu unserem Herzen und nähren unsere Seele. Liebe, Freude und Leidenschaft sind die Gaben, mit denen uns unsere Seele beschenkt.